Julikrise

Einleitung

Am Anfang des 20. Jahrhunderts sah Europa sehr anders aus als heute. Vor allem gab es weniger Staaten in Mittel- und Ost-Europa. Das ganze Gebiet wurde von Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland regiert.

Deutschland war um 1900 nur 29 Jahre alt. Russland und Österreich-Ungarn waren jedoch viel ältere Länder, aber sie haben sich beide im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit dem Rückzug des Osmanischen Reiches noch vergrößern können.

Die westeuropäischen Länder hatten bis 1914 weite Teile der Welt unter sich in Kolonien aufgeteilt. Großbritannien, das hauptsächlich Kolonien in Asien und Afrika hatte, war die führende Seemacht der Welt. Englands Flotte war überall auf der Welt stationiert – in Asien, in Australien, in Kanada, in Afrika und natürlich in Europa. Doch das junge deutsche Reich wollte mit England konkurrieren und baute seit Beginn des Jahrhunderts sein eigenes Flottenaufbauprogramm auf. Gleichzeitig gab es auch einen Rüstungswettlauf zwischen den europäischen Großmächten und besonders zwischen Deutschland und Frankreich.

Während sowohl Frankreich als auch Großbritannien mehrere Kolonien in Afrika erobert hatten, besaß Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts nur vier Kolonien (Togoland, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika). 1905 und 1911 kam es fast zum Krieg zwischen Frankreich und Deutschland über die Kolonialherrschaft in Marokko. In beiden Krisen konnte durch einen Kompromiss ein Krieg vermieden werden, obwohl es allen jetzt klar war, dass Deutschland immer noch unzufrieden mit der Aufteilung Afrikas war.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Europa ein Zweibündnissystem. Auf der einen Seite stand in Mitteleuropa ein Defensivbündnis: Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien (Deutschland war auch durch eine Militärmission im Osmanischen Reich strategisch verbunden). Auf der anderen Seite stand die Entente: Frankreich, Großbritannien und Russland.

Im Juni 1914 besuchte der österreichische Kronprinz Franz Ferdinand Bosnien-Herzegowina, was 1908 durch Österreich-Ungarn annektiert wurde. Der Kronprinz besuchte am 28. Juni die bosnische Hauptstadt Sarajevo. Während seines Besuches wurde der Kronprinz auf der Straße von einem Mitglied der Untergrundorganisation „Junges Bosnien“ und mit Hilfe der serbischen Geheimorganisation „Schwarze Hand“ ermordet.

Das Attentat auf den Kronprinz Franz Ferdinand ist unser Ausgangspunkt für das heutige Spiel. Alle Entscheidungen von diesem Zeitpunkt an sind jetzt in euren Händen.

SPIELABLAUF:

Die Länder (Mannschaften) werden etwa 20-25 Minuten haben um ihre Rollen und Positionen zu diskutieren und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Jede Person spielt die Rolle eines Diplomaten und soll die Perspektive und Interessen ihres Landes vertreten. Jede Mannschaft darf Botschafter zu den anderen Ländern schicken oder die Regierungschefs dürfen ein Gipfeltreffen organisieren.

Alle wichtige Nachrichten und Abkommen (besonders wenn es um den Einsatz von Gewalt geht) muss das Weltnachrichten-Büro informiert. Geheime Abkommen dürfen auch unterzeichnet werden, aber die Länder müssen trotzdem das Weltnachrichten-Büro informieren. Jemand von der Mannschaft soll die Aufgabe haben immer auf die Nachrichtentafel zu schauen und die Neuigkeiten weiter an die Mannschaft geben.

ROLLEN:

Jede Mannschaft soll innerhalb der Gruppe die folgenden Aufgaben und Rollen verteilen:

Staats- oder Regierungschef: Diese Person soll die Aufgabe haben die endgültigen Entscheidungen zu treffen. Diese Rolle soll die anderen Aufgaben der Delegation koordinieren und die Botschafter von den anderen Mannschaften empfangen.

Außenminister: Diese Person soll die Arbeit von den anderen Botschaftern zu koordinieren und die Aufgaben der Staats- oder Regierungschef unterstützen.

Botschafter: Die Botschafter besuchen die anderen Delegationen und versuchen mit ihnen zu handeln und die Unterstützung von anderen Ländern zu gewinnen.

Andere mögliche Rollen: Spione, Experten, Kulturminister, Finanzminister, Verteidigungsminister... Diese Rollen können mit anderen Rollen vereint werden.

Alle Fragen können an das Weltnachrichten Büro gestellt werden.

Deutschland

Hintergrund:

Das Kaiserreich Deutschland wurde in 1871 gegründet. Kaiser Wilhelm II (1888-1918) hat das Ziel gehabt, Deutschlands Macht durch eine große Flotte und neue Kolonien in Afrika und Asien zu vergrößern. Neue Kolonien würden mehr Ressourcen ergeben, damit Deutschland mehr Kriegselemente (Waffen und Schiffe) bauen könnte. Wilhelms Plan brachte ihn in Konflikt mit etablierten Kolonialmächten wie Großbritannien und Frankreich, und deswegen musste Deutschland darauf vorbereitet sein, in letzter Instanz einen Krieg zu führen. Weil Deutschland nicht so viele heimische Ressourcen hatte, wollten der Kaiser und das deutsche Volk einen kurzen, erfolgreichen Krieg führen, wenn es zu einem Krieg käme. Deutschland hatte seit einem Jahrzehnt eine große Aufrüstungskampagne angefangen. Der Geheimdienst hatte aber vor kurzem angedeutet, dass die Gelegenheit zu einem schnellen Kriegsgewinn vorbei sei, sollten England und Frankreich genügend Zeit haben, um ihre Rüstungsprogramme zu beschleunigen. Das Attentat auf den österreichischen Kronprinz könnte als Vorwand dienen, einen kurzen erfolgreichen Krieg anzufangen. Nur dadurch wird Deutschland zur Weltmacht und nicht nur eine europäische Großmacht.

Ziele:

Deutschland will

● koloniale Weltmacht werden.

● neuen deutschen »Lebensraum« in Osteuropa gewinnen.

● wirtschaftliche Kontrolle von Belgien und den Niederlanden.

● wirtschaftliche Einheit Mitteleuropas unter deutscher Führung sichern.

● einen kurzen und erfolgreichen Krieg führen, wenn es Krieg geben muss.

● einen Zweifrontenkrieg vermeiden - also nicht gleichzeitig gegen Frankreich und Russland kämpfen.

befreundete Lände:

● Österreich-Ungarn (Dreibund)

● Italien (Dreibund)

● Osmanisches Reich (Strategische Zusammenarbeit durch deutsche Militärmissionen)

Österreich-Ungarn

Hintergrund:

Mit dem Rückzug des Osmanischen Reiches eroberte Österreich-Ungarn die Balkanstaaten Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Serbien bleibt 1914 immer noch von Österreich-Ungarn unabhängig (mit Hilfe eines Bündnisses mit Russland). Es gibt auch internen Widerstand in Bosnien-Herzegowina und Kroatien, was für die Doppelmonarchie sehr lästig ist. Im europäischen Raum ist Russland für Österreich-Ungarn der Hauptfeind, weil die beiden Länder ihre Expansionspläne auf dem gleichen Gebiet gesetzt haben. Weder Österreich-Ungarn noch Russland besitzen Kolonien in Übersee. Stattdessen bevorzugen beide Länder eine Expansion durch die Übernahme von angrenzenden Ländern. Demzufolge will Österreich-Ungarn immer mehr Macht in Osteuropa, besonders im Balkan, in der Ukraine und in Rumänien. Die Militärstrategen des österreichischen Militärs meinen, dass Österreich Serbien ganz leicht erobern könnte, wenn Russland nicht angreifen würde oder anderswo (wie z.B. gegen Deutschland) beschäftigt wäre.

Ziele:

● Die Balkenstaaten zu erobern und behalten, besonders Serbien.

● Die polnischen und ukrainischen Gebiete von Russland erobern und annektieren.

● Rumänien beeinflussen oder kontrollieren (anstatt Russland)

● Eine Bürgschaft von Deutschland sichern, falls es zum Krieg kommt, dass Deutschland fest auf der Seite von Österreich steht.

● Permanenten Zugang zur Adria sichern.

befreundete Lände:

● Deutschland (Dreibund)

● Italien (Dreibund)

Frankreich

Hintergrund:

Frankreich ist eine europäische Großmacht mit einem weltweiten kolonialen Reich, das um die ganze Welt reicht. Die Niederlage im Krieg gegen Deutschland 1871 war für die Franzosen eine Katastrophe und eine Blamage. Frankreich verlor die Regionen Elsass und Lothringen an das neue Deutsche Reich und dieser Verlust ist 1914 immer noch ein heißes politisches Thema. Frankreich befürchtet seit Anfang des 20. Jahrhunderts, dass es wieder zum Krieg gegen Deutschland kommen würde. Im letzten Jahrzehnt investierte Frankreich viel Geld in seine militärische Infrastruktur - inklusive neuer Kriegsschiffe und neuer Bahngleise, die bis zur deutschen Grenze führen. Das französische Volk leidet derzeit unter einer Art kollektivem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Deutschland und die Presse nutzt diese Gefühle aus, um eine neue Hetzkampagne gegen die Deutschen zu führen. Trotz des öffentlichen Interesses an einem Krieg gegen Deutschland, fürchten die Militärstrategen des französischen Heeres, dass Frankreich noch nicht bereit sei, so einen Krieg zu gewinnen.

Ziele:

● Den Krieg zu vermeiden - oder mindestens etwas Zeit für die Kriegsvorbereitungen zu gewinnen

● Elsass-Lothringen von Deutschland wegzunehmen.

● Die militärischen Fähigkeiten Deutschlands zu verringern (oder ganz zerstören).

● Das französische Kolonialreich intakt zu halten.

● Die deutschen Kolonien übernehmen und ins französische Kolonialreich zu integrieren.

● Das Rheingebiet Deutschlands als eine entwaffnete Zone zu deklarieren.

befreundete Lände:

● Großbritannien (Entente)

● Russland (Entente)

Großbritannien

Hintergrund:

Großbritannien ist momentan die größte Macht der Welt, mit einem Reich, das von Australien im Osten bis Kanada im Westen reicht. Seine Flotte ist groß und seine Armeen sind sehr stark aber auch überall auf der Welt verteilt. Deutschland, die neue Macht in Mitteleuropa, konkurriert in letzter Zeit gegen England um die Seemacht in Europa und die Kolonialherrschaft in Afrika. Großbritannien muss Deutschlands schnelle Entwicklung aufhalten oder zumindest bremsen, um die Stelle als die größte Macht Europas zu behalten. England hat nicht die gleichen Ziele wie Frankreich (besonders im Afrika), aber seit der Marokkokrise arbeiten England und Frankreich sehr eng zusammen und planen für den Fall, dass es einen Krieg in Europa geben könnte. Englands Stellung im Bezug auf Serbien ist kompliziert. Obwohl England die Vergrößerung von weder Österreich-Ungarn noch Russland sehen will, unterstützt England die Idee, dass kleine Nationen unbedingt ihren eigenen Staat haben müssen, nicht. Seit Jahren kämpft England in Irland gegen Sinn Fein, die für die Unabhängigkeit Irlands kämpfen. Wenn England Serbien seine volle Unterstützung gibt, wird es ein großen Konflikt zwischen seiner Außen- und Innenpolitik geben.

Ziele:

● Einen Krieg in Europa zu vermeiden.

● Die Wirtschaft Deutschlands zu einzugrenzen.

● Die deutsche Flotte auszuschalten.

● Keine neuen deutschen Kolonien zu erlauben.

● Deutschen Kolonien für England zu gewinnen.

befreundete Lände:

● Frankreich (Entente)

● Russland (Entente)

Russland

Hintergrund:

Als die mächtigste slawische Nation umfasste das russische Reich 1914 nicht nur Russland sondern auch Weißrussland, die baltischen Länder (Litauen, Lettland und Estland), Teile von Polen und die Ukraine. Nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg, konzentrierte sich Russland auf den Balkan, wo Russland jetzt gegen die Interessen von Österreich-Ungarn direkt konkurriert. Es kam bereits zwei Mal Anfang des 20. Jahrhunderts zu großen Spannungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn über die Annexion von Bosnien-Herzegowina und den bulgarischen Angriff auf Serbien und Griechenland. In beiden Fällen haben die europäischen Großmächte als Vermittler zwischen Russland und Österreich-Ungarn eine Lösung gefunden. Dabei konnten sowohl Österreich-Ungarn als auch Russland neue Gebiete im Balkan gewinnen oder ihre Interessen verteidigen. Russland hat Angst vor Expansionsinteressen von Österreich-Ungarn und Deutschland. Russland möchte Platz als Schutz zwischen sich und Deutschland. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist Russland die Schutzmacht aller slawischen Völker (im Namen des Panslawismus). Eventuell will Russland den Traum vom Panslawismus erreichen, in dem alle slawischen Völker unter russischer Führung zusammenkommen. Ein großer europäischer Krieg ist Russland immer noch zu viel, aber auf keinen Fall soll Serbien von Österreich-Ungarn erobert werden. Sollte es zum Krieg zwischen Russland und Österreich-Ungarn kommen, will Russland unbedingt die slawischen Teile von Österreich-Ungarn bekommen.

Ziele:

● Die Balkanstaaten zu kontrollieren und vor Österreich-Ungarn zu schützen.

● Nach Panslawismus zu streben (Zusammenfassung aller Slawen unter russischer Führung).

● Deutschland Ostpreußen zu nehmen.